#45 Warum uns Grenzen setzen so schwer fällt - und die Last die du trägst
- Karin
- 1 day ago
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«Du musst lernen, Grenzen zu setzen.»
Ein Satz, den wir alle schon unzählige Male gehört haben. In Coachings, in Büchern, auf Social Media. Und trotzdem fällt es vielen von uns unglaublich schwer. Mir ging es lange genauso. Ich habe in meinem Leben lange geglaubt, dass Grenzen setzen etwas Egoistisches ist. Dass ich das nicht darf. Dass ein guter Mensch für andere da ist, hilft, unterstützt, einspringt und Verständnis hat. Vor allem aber habe ich mich selbst zurückgenommen. Ich habe meine Bedürfnisse hintenangestellt und mich damit eben gerade nicht abgegrenzt. Im Gegenteil. Ich habe mich verausgabt, meine Grenzen überschritten und sie oftmals gar nicht wahrgenommen. Erst im Nachhinein habe ich bemerkt, dass ich wieder einmal zu weit gegangen war. Das war ein langes Lernfeld für mich. Vor allem deshalb, weil ich ein starker People Pleaser war. Ich wollte immer allen alles recht machen. Ich dachte, ich müsste das. Bei mir kamen immer zuerst die anderen.
Eine Fähigkeit, die in der Gastronomie natürlich grossartig war. Sie hat mich zu einem guten Gastgeber gemacht. Gleichzeitig hat sie mich langsam ausbrennen lassen, ohne dass ich es bemerkte. In der Gastronomie war es für mich völlig normal, zu arbeiten, bis alles erledigt war. Einzuspringen, wenn jemand ausfiel. Probleme zu lösen, die eigentlich gar nicht meine waren. Und ich habe mich darüber identifiziert. Ich war stolz darauf, diejenige zu sein, die alles im Griff hatte.
Der innere Antreiber «Mach es allen recht»
In der Transaktionsanalyse spricht man von den fünf inneren Antreibern. Einer davon ist der Antreiber «Mach es allen recht». Neben dem Perfektionisten begegnet er uns in unseren Workshops am häufigsten. Dieser Antreiber entsteht oft früh im Leben, wenn wir lernen, dass wir Liebe, Anerkennung oder Zugehörigkeit erhalten, wenn wir uns anpassen, zurücknehmen, helfen und die Bedürfnisse anderer berücksichtigen.
Dieser Antreiber hat starke Seiten. Menschen mit ihm sind häufig empathisch, hilfsbereit, aufmerksam, verständnisvoll und teamorientiert. Sie spüren schnell, wie es anderen geht, und können Beziehungen gut pflegen. Problematisch wird es erst dann, wenn der Antreiber unbewusst die Kontrolle übernimmt. Dann werden die eigenen Bedürfnisse zurückgestellt. Man sagt Ja, obwohl man Nein meint. Konflikte werden vermieden, Kritik wird persönlich genommen und Entscheidungen orientieren sich mehr an den Erwartungen anderer als an den eigenen Werten. Irgendwann entsteht das Gefühl: «Ich mache so viel für alle anderen – aber niemand sieht mich.»
Hinter diesem Antreiber stecken oft unbewusste Glaubenssätze wie: «Ich bin nur wertvoll, wenn ich gebraucht werde», «Ich darf niemanden enttäuschen» oder «Ich bin für das Wohlbefinden anderer verantwortlich.» Der gesunde Gegenpol dazu ist nicht Egoismus. Der gesunde Gegenpol heisst Selbstfürsorge. Die wichtigste Erkenntnis lautet: Ich bin nicht für die Gefühle anderer Menschen verantwortlich. Ich kann Mitgefühl zeigen, ohne Verantwortung zu übernehmen.
Wenn wir Lasten tragen, die nicht unsere sind
Heute weiss ich, dass dieser Antreiber mich lange daran gehindert hat, mich sauber abzugrenzen. Denn Grenzen setzen bedeutet nicht einfach Nein zu sagen. Grenzen setzen bedeutet, wahrzunehmen, was ich brauche. Es bedeutet zu erkennen, wo meine Verantwortung beginnt und wo sie endet. Es bedeutet, klare Linien zu ziehen zwischen dem, was für mich stimmig ist, und dem, was nicht.
So entstand in meinem damaligen Team schnell die Haltung, dass man mir Probleme und Themen übergeben konnte. Dass Karin dann schon schauen würde. Vielleicht kennst du das auch: Jemand kommt mit einem Problem zu dir und sofort beginnt dein Kopf zu arbeiten. Du suchst nach Lösungen. Du überlegst, wie du helfen kannst. Du möchtest die Situation verbessern. In der Führung sprechen wir oft von «Monkey Management». Mitarbeitende laden ihre Affen – also Probleme, Aufgaben oder Herausforderungen – bei der Führungskraft ab. Und die Führungskraft nimmt diese Affen bereitwillig auf ihre Schultern. Irgendwann läuft sie mit zwanzig Affen herum und wundert sich, weshalb sie erschöpft ist.
Doch genau das passiert nicht nur im Berufsleben. Es passiert auch privat. Wir übernehmen Verantwortung für die Gefühle anderer Menschen. Für ihre Probleme. Für ihre Entscheidungen. Und irgendwann tragen wir Lasten, die gar nicht unsere sind.
Ich hatte lange das Gefühl, ich müsste ein familiäres Thema für meine Mutter lösen. Ich sah darin meine Aufgabe und bemerkte nicht, wie sehr ich mich einmischte. Unwillentlich lud ich mir eine Last auf, die gar nicht meine war. Ich bewertete ihre Gefühle höher als meine eigenen, wollte Lösungen finden und Dinge vorantreiben, die es gar nicht brauchte. Erst durch eine Familienaufstellung wurde mir bewusst, was ich da tat. Und erst dann konnte ich das Thema wieder dorthin zurückgeben, wo es hingehörte.
Grenzen schaffen Nähe
Auf meinem Weg durfte ich lernen, dass Grenzen nicht trennen müssen. Im Gegenteil. Grenzen geben Orientierung. Grenzen geben Sicherheit. Grenzen schaffen Klarheit. Es war wichtig, dass auch ich wieder in meine Balance zurückfinde. Denn wie so oft in der Führung beginnt alles bei mir selbst. Wenn Mitarbeitende sehen, dass ich überall Ja sage, keine Grenzen setze und ständig mehr leiste, als gesund ist, dann besteht die Gefahr, dass sie dieses Verhalten übernehmen. Das wollte ich nie. Ich wollte, dass sie sich selbst wahrnehmen, ihre Bedürfnisse ernst nehmen und nicht ausbrennen. Also durfte ich zuerst bei mir hinschauen.
Warum fällt uns das Abgrenzen dennoch so schwer? Meiner Erfahrung nach steckt immer etwas Tieferes dahinter – das Thema unter dem Thema. Bei mir war es die Angst vor Ablehnung. Die Angst davor, was andere denken könnten. Die Angst, egoistisch zu wirken, Respekt zu verlieren oder nicht mehr dazuzugehören. Das eigentliche Problem war nicht das Nein-Sagen. Das eigentliche Problem waren die Gefühle, die danach entstanden: das schlechte Gewissen, die Schuldgefühle, die Unsicherheit und die Angst vor den Konsequenzen.
Genau deshalb ist Grenzen setzen nicht nur eine Handlung, sondern innere Arbeit. Denn bevor ich einem anderen Menschen eine Grenze setzen kann, muss ich sie zuerst selbst kennen. Ich darf meine Bedürfnisse wahrnehmen. Herausfinden, was mir guttut. Erkennen, was mich Energie kostet. Beobachten, ob es einen roten Faden gibt. Vielleicht ist es eine bestimmte Person, bei der ich mich nicht traue, Nein zu sagen. Vielleicht eine bestimmte Situation oder Aufgabe. Erst wenn ich das erkenne, kann ich bewusst entscheiden, was ich wirklich brauche.
Vielleicht delegierst du eine Aufgabe, die gar nicht deine sein müsste. Vielleicht beantwortest du eine Nachricht nicht sofort. Vielleicht hörst du auf, die Probleme anderer lösen zu wollen. Vielleicht gibst du eine Frage zurück an die Person, die sie selbst beantworten darf. Vielleicht sagst du zu einer Anfrage Nein oder sagst ein Treffen ab.
Denn gesunde Grenzen schaffen keine Distanz. Sie schaffen Nähe. Menschen wissen, woran sie bei uns sind. Klarheit schafft Vertrauen. Respekt entsteht. Und echte Zusammenarbeit wird erst möglich, wenn jeder Verantwortung für seinen eigenen Teil übernimmt.
Vielleicht ist Grenzen setzen deshalb gar kein Zeichen von Härte.
Vielleicht ist es ein Zeichen von Selbstrespekt.
Und vielleicht beginnt jede gesunde Grenze mit einer einfachen Frage:
Wo darf ich heute aufhören, etwas zu tragen, das gar nicht mir gehört?




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