#44 Wenn... Dann... Die grosse Lüge an uns selbst
- Karin
- Jun 9
- 6 min read
Wenn ich mehr Geld habe, dann bin ich entspannter. Wenn ich endlich den richtigen Partner finde, dann bin ich glücklich. Wenn das Projekt abgeschlossen ist, dann kann ich geniessen. Wenn mein Chef mich anerkennt, dann fühle ich mich wertvoll.
Wir alle kennen diese Aussagen von anderen und wir kennen sie genauso gut von uns selbst. Wir alle stecken manchmal fest in diesem Wenn-Dann-Denken.

Und dennoch behaupte ich, dass es eine grosse Lüge an uns selbst ist. Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass das, was ich mir im Wenn-Dann-Denken erzähle, nicht der Wahrheit entspricht. Dass ich mich immer wieder damit vertröstet habe.
Bei mir hat es sich vor allem bei der Arbeit in der Gastronomie gezeigt. «Wenn dieser Event dann geschafft ist, dann kommt die Erholungszeit.» Stimmte nicht. Denn kaum war der Event durch, kam der Nächste. «Wenn ich mir die grössere Wohnung leisten kann, dann wird alles besser.» Stimmt nicht. Dann kommen die nächsten Sorgen. «Wenn ich den Lohn erhalten habe, dann bin ich wieder sicher.» Stimmte nicht. Denn dann kam die nächste Rechnung und das Geld war wieder weg. «Wenn ich einen neuen Job gefunden habe, dann bin ich wieder glücklich.» Stimmte nicht, weil das innere Glück nur sehr beschränkt mit dem Aussen zu tun hat.
Dieses Wenn-Dann-Denken hat aber immer dazu geführt, dass ich mich weiter anstrenge. Als würde ich mich selbst vertrösten. Als würde ich mich selbst anspornen, nochmals Gas zu geben oder durchzuhalten. Weil was wäre denn die Alternative? Vermutlich das Aufgeben, oder? Wenn ich eben nicht durchhalte bis zur Erholungszeit, dann müsste ich doch aufgeben?
Aber was ist da eigentlich los im Kopf? Weshalb sprechen wir so mit uns selbst? Und weshalb tut das die ganze Welt?
Ultraspannend. Aus evolutionspsychologischer Sicht war das Gehirn nie darauf ausgelegt, glücklich zu sein. Seine Hauptaufgabe war das Überleben. Dafür musste es ständig Zusammenhänge erkennen. Wenn dort ein Säbelzahntiger ist, dann renne weg. Wenn diese Beeren krank machen, dann iss sie nicht mehr. Wenn ich zur Gruppe gehöre, dann überlebe ich eher.
Das Gehirn liebt Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Es sucht permanent nach Mustern und versucht vorherzusagen: «Was muss passieren, damit ich sicher bin?» Dieses Prinzip ist tief in unserem Nervensystem verankert.
Psychologisch betrachtet lebt das Gehirn selten im Jetzt. Es denkt ständig: Was könnte passieren? Was fehlt noch? Was muss ich tun? Dadurch entsteht die Illusion: «Jetzt ist noch nicht ganz richtig. Aber später wird es gut.» Das Wenn-Dann-Denken ist deshalb oft nichts anderes als die Suche nach Sicherheit. Das Gehirn sagt: «Wenn wir dieses Problem gelöst haben, dann können wir uns entspannen.» Nur kommt danach meist das nächste Problem.
Das heisst also, dass sich das Wenn-Dann-Denken niemals im Jetzt befindet, sondern immer in der Zukunft. Damit verliere ich völlig den Bezug zu dem, was wirklich zählt: der jetzige Moment.
Dazu kommt, dass wir es bereits als Kinder lernen. Viele von uns wachsen mit Bedingungen auf. Wenn du lieb bist, bekommst du ein Glacé. Wenn du gute Noten hast, sind wir stolz. Wenn du aufräumst, darfst du fernsehen. Unser Gehirn lernt früh: Erst etwas leisten, dann etwas bekommen.
Später übertragen wir dieses Muster auf das ganze Leben. Wenn ich erfolgreich bin, bin ich gut genug. Wenn ich schlank bin, bin ich liebenswert. Wenn ich alles im Griff habe, bin ich sicher.
In vielen psychologischen und spirituellen Modellen wird beschrieben, dass unser Ich-Bewusstsein von einem Gefühl des Mangels lebt. Es erzählt uns: Du bist noch nicht angekommen. Du bist noch nicht gut genug. Du brauchst noch etwas.
Dadurch entsteht ständig ein nächstes Ziel. Dadurch bleiben wir ständig am Ball. Dadurch leisten wir ständig. Daran erfreuen sich die inneren Antreiber. Wenn das Ziel erreicht ist, hält die Erleichterung oft nur kurz an. Dann beginnt das Spiel erneut.
Der grösste Denkfehler im Wenn-Dann-Denken lautet: Ein äusserer Zustand wird mir dauerhaft ein inneres Gefühl schenken. Doch Gefühle entstehen viel komplexer.
Deshalb gibt es reiche Menschen, die unglücklich sind. Verheiratete Menschen, die einsam sind. Erfolgreiche Menschen, die sich wertlos fühlen. Und gleichzeitig Menschen mit wenig Besitz, die zufrieden sind, und Menschen ohne Partner, die erfüllt leben.
Der äussere Zustand beeinflusst uns, aber er erschafft kein dauerhaftes Glück.
Warum machen es trotzdem fast alle Menschen? Weil das Wenn-Dann-Denken einen grossen Vorteil hat: Es erzeugt Hoffnung. Wenn wir leiden, möchte das Gehirn glauben: «Es wird besser.» Diese Hoffnung kann unglaublich hilfreich sein. Problematisch wird es erst, wenn das Leben dauerhaft verschoben wird.
Wenn wir sagen: Wenn ich mehr Zeit habe. Wenn die Kinder grösser sind. Wenn ich mehr Geld habe. Wenn ich mutiger bin. Dann verbringen wir oft Jahre an einem Ort, der nie eintritt.
Es ist eine Wahnsinns-Methode, die jahrelang sehr gut bei mir funktioniert hat. Und ich habe sie geglaubt. Vor allem in der Gastrobranche damals habe ich mich x-mal so vertröstet. Wenn der Event vorbei ist, kommt Erholung. Wenn dann Erholung kommt, kümmern wir uns wieder etwas besser um uns. Wenn du Feierabend hast, dann gibt es einen Drink. Wenn du das geschafft hast, dann gibt es eine Belohnung. Wenn du die Prüfung bestanden hast, darfst du feiern. Wenn das vorbei ist, darfst du in die Ferien fahren.
Ich habe mich damit immer wieder selbst belogen und habe es auch noch geglaubt.
Besonders gefährlich finde ich das Wenn-Dann-Denken mit dem Zeitaspekt. Dass ich also Dinge, die mir eigentlich wichtig sind, auf später verschiebe und damit das Leben an mir vorbeizieht. Vor allem dann, wenn ich es jahrelang nicht mache.
Ich habe lange darauf hingearbeitet, Anerkennung von bestimmten Menschen zu erhalten. Ich dachte: Wenn diese Personen nur ein einziges Mal sagen, dass ich etwas gut gemacht habe, dann bin ich wertvoll. Dann bin ich gut genug.
Aber das stimmte sogar doppelt nicht.
Denn ich werde selbst dann nicht gut genug sein für meine innere Stimme. Solange ich meinen Wert von aussen abhängig mache, wird er nie erfüllt sein. Und das Zweite, was nicht stimmte: Ich wollte jemand anderen verändern. Jemand anders sollte etwas tun, damit ich glücklich bin. Damit habe ich mein Wohlbefinden an äussere Faktoren geknüpft. Und ich, für mich, will das nicht mehr.
Eigentlich war das Thema unter dem Thema einmal mehr ein ganz anderes. Ich habe mir erzählt, dass ich Anerkennung von anderen will. Aber eigentlich wollte ich Anerkennung von mir selbst. Das konnte ich damals nur noch nicht erkennen. Ich habe einfach so lange geschuftet und geleistet, bis hoffentlich einmal diese Anerkennung kam. Kam sie nie, habe ich weitergeschuftet. Kam sie doch, hat es sich nicht so gut angefühlt, wie ich gedacht habe.
Das Spannende ist: Man kommt nicht vollständig aus dem Wenn-Dann-Denken heraus. Das wäre auch gar nicht sinnvoll. Unser Gehirn wird immer Ziele setzen, planen und Zusammenhänge herstellen.
Das Problem ist nicht das Wenn-Dann-Denken an sich. Das Problem entsteht, wenn wir ihm glauben.
Der Weg hinaus beginnt deshalb nicht mit dem Abschaffen, sondern mit dem Erkennen.
Und so gelang es mir, Schritt für Schritt, ganz langsam und immer wieder, mich selbst zu ertappen, mein Denken zu analysieren und zu erkennen, was mein wahres Bedürfnis ist.
Das Gute ist: Das, was nach dem «Dann» kommt, verrät mir meistens bereits mein Bedürfnis.
Long story short.
Ich glaube, wir dürfen lernen, unseren Frieden nicht ständig in die Zukunft zu verschieben. Wir dürfen Ziele haben, Träume haben und Dinge erreichen wollen. Aber wir dürfen aufhören zu glauben, dass unser Glück dann und dort auf uns wartet.
Denn das Leben findet nicht dann statt, wenn alles erledigt ist. Nicht dann, wenn genug Geld da ist. Nicht dann, wenn wir den richtigen Partner gefunden haben. Nicht dann, wenn wir endlich anerkannt werden.
Das Leben findet jetzt statt.
Wenn ich sage: «Wenn ich mehr Zeit habe, dann kann ich mich erholen», dann brauche ich vielleicht heute bereits mehr Pausen. Wenn ich sage: «Wenn mich endlich jemand anerkennt, dann fühle ich mich wertvoll», dann darf ich vielleicht lernen, mir selbst Anerkennung zu schenken. Wenn ich sage: «Wenn ich mutiger bin, dann lebe ich mein Leben», dann wartet das Leben vielleicht genau jetzt darauf, dass ich den ersten kleinen Schritt mache.
Deshalb höre hin. Hör dir selbst zu. Achte auf deine Wenn-Dann-Sätze. Denn oft zeigen sie dir nicht, was du irgendwann brauchst. Sie zeigen dir, was dir heute fehlt.
Und vielleicht ist genau das die Einladung des Lebens: Nicht länger auf später zu warten, sondern dem Bedürfnis dahinter bereits heute ein Stück näherzukommen.




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