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#43 Der Tod - und wie ich Frieden damit fand

  • Writer: Karin
    Karin
  • 6 days ago
  • 5 min read

Ich bin mir sehr bewusst, dass ich mit diesem Thema ganz viel bei dir auslösen kann und ich mich auch auf Glatteis bewege. Und dennoch spüre ich den inneren Drang, über den Tod zu sprechen. Bis heute durfte ich schon einige liebe Menschen in meinem Leben gehen lassen. Dennoch bin ich diesem Thema sehr lange aus dem Weg gegangen. Bis ich im Jahr 2024 nach Island gereist bin.


Ich war alleine mit dem Auto für drei Wochen in Island unterwegs – eine fantastische Reise. Während meiner Rundreise auf der Ring Road machte ich einen Abstecher nach Landmannalaugar.

Landmannalaugar ist eine spektakuläre Region im isländischen Hochland, die für ihre bunten Rhyolith-Berge, dampfenden heissen Quellen und rauen Lavafelder bekannt ist. Ich liess mein Auto stehen und reiste mit dem Hochlandbus ins Landesinnere, über Felsen und verrückte Strassen, durch Wasser und Flüsse. Alleine die Fahrt war spektakulär. Nur noch Natur weit und breit, niemand wohnte hier. Und dann war da plötzlich ein Campingplatz.

Ich hatte für eine Nacht gebucht und wusste, dass mich hier etwas Spektakuläres erwartet. Ich hatte nicht viel dabei – die wichtigsten Sachen, meinen Schlafsack und mein Zelt. Ich stellte mein Zelt auf und ging wandern. Es war spektakulär und ist bis heute der schönste Ort, den ich je gesehen habe. Ich wollte alle zehn Meter ein Foto machen. Ich habe geweint vor Schönheit, ich war völlig überwältigt. Und ich war ganz alleine unterwegs, kaum eine Menschenseele weit und breit. Am Abend kam ich zurück auf den Campingplatz. Es wurde kühler und kühler. Es war Oktober. Im Gemeinschaftszelt traf ich auf zwei andere Alleinreisende. Wir redeten und lachten. Und irgendwann sprachen wir über die bevorstehende Nacht. Die beiden warnten mich vor dem Kälteeinbruch durch starke Winde und leichte Stürme. Ich solle mein Zelt gut mit Steinen befestigen. In mir stiegen Panik und Angst auf, ich versuchte aber ruhig zu bleiben. Die beiden gaben mir ein paar Tipps und ich ging zurück zu meinem Zelt. Die Panik wuchs. Ich sah die anderen Zelte und wie sich alle grosse Steinblöcke zusammengesucht hatten, um ihre Zelte zu beschweren. Die Panik wuchs. Ich befestigte mein Zelt so gut es ging und sah mich auf dem Campingplatz um, wo ich Schutz finden könnte. Es gab keine beheizten Räume. Selbst im Gemeinschaftszelt wurde es kalt. Es gab keinen Ort, um Unterschlupf zu finden. Ich zog meine Thermowäsche an, einen dicken Pullover, eine Kappe und Handschuhe und rannte noch ein paar Meter über den Zeltplatz, um innere Wärme zu erzeugen. Dann kroch ich in meinen Schlafsack und lag in meinem Zelt. Ich spürte meine Angst und meine Panik.

Was, wenn ich sterbe? Ich wusste, dass es in dieser Nacht minus zwei Grad werden würde und ich dem eiskalten Wind ausgeliefert war. Mein Leben spielte sich wie ein Film vor meinen Augen ab. Ich sah alles und jeden, der mir lieb war. Ich sah alles, was ich bereits erlebt hatte. Ich sah alles, was ich erreicht und gesehen hatte. Und zuletzt sah ich mich nochmals auf meiner Wanderung. Ich wusste, dass ich am für mich schönsten Ort der Welt war. Noch nie in meinem Leben durfte ich etwas Schöneres sehen. Ich habe sogar geweint vor Überwältigung. So erkannte ich in diesem Zelt, in meiner womöglich letzten Nacht, welch geniales Leben ich leben durfte. Ein Gefühl der Dankbarkeit überkam mich, so überwältigend, dass meine Angst und meine Panik damit verschmolzen. Und ich spürte: Wenn ich heute Nacht sterben würde, dann ist das in Ordnung. Das war die Nacht, in der ich die Vergänglichkeit akzeptiert habe. Die Nacht, in der ich verstand, wie wunderschön das Leben sein kann. Die Nacht, in der ich verstand, wie wichtig es ist, im Jetzt zu leben. Seit dieser Nacht ist alles für mich Topping. Alles, was ich noch erleben, erreichen und sehen darf, kann ich umso mehr geniessen und feiern. Denn wenn ich jetzt gehen müsste, dann weiss ich, dass es in Ordnung wäre.


Ich glaube, viele von uns fürchten den Tod. Besonders bewusst wurde mir das, als ich vor rund fünf Jahren einen lieben Menschen aus meiner Familie gehen lassen musste. Ich spürte, wie vielen Menschen in unserem Umfeld dieses Thema unangenehm war. Sie wussten nicht, ob sie mit uns darüber sprechen sollten oder ob sie das Thema lieber meiden sollten. Einige wollten es vermeiden, weil sie dachten, sie würden bei uns Wunden aufreissen. Mein Bedürfnis wäre gewesen, darüber zu sprechen. Aber die wenigsten konnten das ertragen. Das brachte mich schon damals zum Nachdenken. Weshalb ist das so? Haben wir Angst vor den Emotionen? Haben wir Angst, das Gegenüber zu verletzen? Haben wir Angst, dass es uns selbst traurig macht? Vielleicht erinnert es uns an unsere eigene Vergänglichkeit. Alles im Leben ist vergänglich. Alles geht irgendwann zu Ende. Ich spüre, dass die Akzeptanz dieses Faktes ganz viel Ruhe in mein Leben gebracht hat. Denn sie führt dazu, dass ich den jetzigen Moment viel mehr geniessen kann. Ich habe für mich akzeptiert, dass mein Leben und das Leben aller anderen irgendwann zu Ende gehen wird. Wir wissen nicht wann und wie. Aber wir wissen, dass es so ist. Und dieser Gedanke – kombiniert mit dem Mindset, dass wir wiederkommen, dass wir uns alle wiedersehen und dass alles einen grösseren Sinn hat – bringt ganz viel Ruhe in mein Leben.


Stell dir einmal rein hypothetisch vor, dass wir alle aus derselben Quelle kommen. Alle Seelen sind in einer Quelle der Liebe zu Hause. Dort kommen sie her. Dort treffen sie sich. Und dort werden gemeinsame Vereinbarungen getroffen, bevor wir inkarnieren. Wenige Wochen vor der Geburt dürfen die Seelen entscheiden, ob sie in diese Familie hineingeboren werden möchten und welche Erfahrungen sie machen wollen. Gemeinsam mit anderen Seelen vereinbaren sie, dass sie sich auf dieser Erde treffen und gegenseitig unterstützen werden. Vielleicht fühlt es sich deshalb manchmal so an, als würden wir Menschen bereits kennen, obwohl wir ihnen zum ersten Mal begegnen. Und dann sind wir hier auf dieser Welt und machen unsere Erfahrungen. Wenn das Leben endet, geht die Seele zurück in diese Quelle. Mit mehr Lebenserfahrung. Mit neuen Erkenntnissen. Mit Heilung. Mit etwas mehr Erleuchtung. Und das grosse Ziel dieser vielen Reisen ist die Erleuchtung. Wahrhafter innerer Frieden. Bedingungslose Liebe. Einssein. Deshalb sind wir alle eins. Wir sind alle gleichwertig. Wir begegnen uns lediglich an unterschiedlichen Punkten unseres Weges. Also: Was wäre, wenn das wahr wäre?


So sehe ich das Leben, die Welt und den Tod. Ich sehe das Leben als eine lange Reise, die ich Schritt für Schritt erleben darf. Somit weiss ich, dass der Tod dazugehört. Und wenn ich liebe Menschen verliere, dann weiss ich, dass dies Teil ihres Weges und Teil meines Weges ist. Natürlich tut es weh. Auch ich bin voller Schmerz, wenn ich loslassen muss. Auch ich vermisse Menschen. Auch ich habe ein schweres Herz. Aber ich weiss auch, dass wir uns wiedersehen. Und ich weiss, dass mich jeder Verlust daran erinnert, im Moment zu leben. Diesen Moment zu geniessen. Diese Zeit, die ich geschenkt bekomme, zu feiern. Die Vergänglichkeit ist Teil dieser Welt. Schau dir die Natur an. Kein Baum. Keine Blume. Kein Tier. Nichts hat Angst vor der Vergänglichkeit. Sie ist einfach Teil der Reise. Im Buddhismus wird der Tod nicht als Ende verstanden, sondern als Übergang. Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt bilden einen natürlichen Kreislauf. Alles ist vergänglich. Alles, was entsteht, vergeht auch wieder. Deshalb wird der Tod nicht als Fehler oder Ungerechtigkeit betrachtet, sondern als natürlicher Bestandteil der Existenz. Falls das stimmen sollte – und davon bin ich überzeugt –, dann weiss ich doch, dass jede Seele sich dieses Leben ausgesucht hat. Das soll kein Leid rechtfertigen. Es soll lediglich eine andere Perspektive auf das Leben ermöglichen. Denn wenn dem so ist, dann weiss ich, dass jeder Mensch alles in sich trägt, um seine Aufgaben zu meistern. Sonst hätte sich die Seele diese Aufgaben nicht ausgesucht.

Mir ist bewusst, dass dies eine verrückte Vorstellung sein kann. Aber sie geht für mich in Resonanz. Ich spüre, dass es meine Wahrheit ist. Und vielleicht inspiriert sie auch dich dazu, dich mit deiner eigenen Sicht auf das Leben und den Tod auseinanderzusetzen.


Was glaubst du, wie das Leben funktioniert? Was glaubst du, was nach dem Tod passiert? Und weshalb glaubst du, sind wir hier?

 
 
 

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