#41 auch Coaches scheitern - oder weshalb es uns triggert, wenn Vorbilder scheitern
- Karin
- 7 days ago
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Letztens war ich am Jubiläumsevent von Laura Malina Seiler in München. Sie hat ihr 10-jähriges Jubiläum in der Olympiahalle gefeiert. Das war wundervoll. Während des Events hat sie von ihrer Scheidung erzählt, die herausfordernd war, heute aber geklärt ist. Da hat jemand etwas zu mir gesagt, was mich zum Nachdenken gebracht hat und auch für diese Podcastfolge sorgte: «Nämlich, dass ein Coach wie Laura doch mit dem Leben zurechtkommen müsste. Ein Coach sollte sich doch nicht scheiden lassen. Einem Coach sollte das doch nicht passieren.»

Diese Aussage hat sehr viel mit mir gemacht und mich natürlich getriggert. Schliesslich bin auch ich der Coach, der sich getrennt und scheiden lassen hat. Nun geht es mir hier aber nicht um Rechtfertigung. Sondern es geht mir darum, dass wir vielleicht die Sichtweise auf unser Leben und unsere Berufe ändern dürfen. Denn auch ich habe Berufsbilder mit Erwartungen verknüpft. Ich erwarte zum Beispiel vom Dorfpfarrer, dass er sich als Allererstes an die 10 Gebote hält. Ich erwarte von ihm, dass er keinen Sex vor der Ehe hat, dass er Gott im Herzen trägt, dass er keine verbotenen Dinge tut, dass er sich stets bemüht, mit dem Nachbarn nett zu sein und so weiter. Das erwarte ich von ihm. Und wenn er dies nicht einhält, reagiere ich vermutlich ähnlich wie die Person, die über Laura so gesprochen hat.
Oder dasselbe mit Politikern. Oder auch mit der Nachhaltigkeit. Ich erinnere mich an den Instagram-Post von Greta Thunberg, als sie im Zug fotografiert wurde, wie sie Toast aus Plastik gegessen hat. Die Welt war empört. Ich erinnere mich auch an die Zeit zurück, als wir unser Catering «Zum guten Heinrich» geführt haben. Wir haben uns gegen Food Waste eingesetzt. Rund 70 % der Zutaten, die wir verwendet haben, waren Produkte, die es aufgrund von Grösse oder Form nicht in den Markt geschafft hätten. Der Geschmack war dennoch einwandfrei. Wir fanden das eine starke Leistung. Gäste auf unseren Caterings waren aber immer wieder mit dem Mahnfinger unterwegs und bemängelten, dass eben jenes oder dieses Produkt kein Food-Waste-Produkt war.
Mich hat das damals immer traurig gestimmt. Wir haben unser Bestes gegeben, einen positiven Beitrag zu leisten. Der Mensch fokussiert sich aber immer wieder darauf, was nicht gelingt, was nicht dem Credo entspricht oder eben das, was fehlt. Und ich habe mich wirklich gefragt, woher das kommt. Weshalb ist das so, dass wir erstaunt sind, wenn ein Arzt krank wird? Oder ein Coiffeur einen Bad Hair Day hat? Auch bei mir ist das immer wieder so, dass Menschen im Umfeld überrascht sind, wenn ich Herausforderungen zu bewältigen habe. Oder Menschen überrascht waren, dass wir uns trennen.
Also weshalb ist das so, dass wir von gewissen Rollen mehr erwarten als von anderen?
Sobald jemand Coach ist, Therapeut, Arzt, Lehrer oder Führungskraft, erwarten wir plötzlich, dass dieser Mensch das Leben vollständig im Griff hat. Dass er keine Beziehungskrisen mehr erlebt. Keine Ängste mehr hat. Keine Überforderung kennt. Keine Zweifel. Keine Fehler macht.
Ich glaube, dass wir Idealbilder haben, an denen wir uns festhalten. Vielleicht sogar Vorbilder, an denen wir uns festhalten. Menschen, die etwas sind oder tun, was wir gut und richtig finden. Bilder von Menschen, die uns helfen, dieses Leben zu meistern. Ich glaube, dass wir uns nach Sicherheit sehnen. Wir wollen glauben, dass es Menschen gibt, die „es geschafft haben“. Menschen, die weiter sind. Stabiler. Klarer. Kontrollierter. Denn wenn wir glauben können, dass wenigstens gewisse Menschen das Leben beherrschen, gibt uns das Hoffnung. Hoffnung, dass auch wir irgendwann dort ankommen könnten. Und genau deshalb erschüttert es uns so sehr, wenn ein Coach sich scheiden lässt. Wenn ein Arzt krank wird. Wenn ein Psychologe depressiv ist. Wenn ein spiritueller Mensch scheitert. Dann fällt plötzlich dieses Bild zusammen, das wir uns aufgebaut haben.
Aber vielleicht vergessen wir dabei etwas ganz Wesentliches: Hinter jeder Rolle steckt immer noch ein Mensch. Ein Mensch mit einer Geschichte. Mit Wunden. Mit Ängsten. Mit Triggern. Mit Lernaufgaben.
Ein Coach ist nicht jemand, der das Leben besiegt hat. Sondern vielleicht einfach jemand, der gelernt hat, bewusster damit umzugehen. Jemand, der Werkzeuge hat. Der reflektieren kann. Der Verantwortung übernimmt. Aber nicht jemand, der immun gegen Schmerz ist.
Und ehrlich gesagt: Ich würde heute keinem Coach mehr vertrauen, der behauptet, immer im Frieden zu sein. Immer glücklich. Immer bewusst. Immer klar. Das Leben funktioniert nicht so. Das Leben ist Bewegung. Veränderung. Chaos. Wachstum. Verlust. Neubeginn.
Vielleicht ist die eigentliche Frage also nicht: „Wie konnte das einem Coach passieren?“ Sondern vielmehr: „Wie geht dieser Mensch damit um, wenn das Leben ihn herausfordert?“ Denn genau dort zeigt sich für mich Persönlichkeit. Nicht darin, niemals zu fallen. Sondern darin, ehrlich hinzuschauen, Verantwortung zu übernehmen und weiterzugehen.
Ich glaube sogar, dass wir aufhören dürfen, Menschen auf Podeste zu stellen. Denn jedes Podest erzeugt automatisch Enttäuschung. Weil kein Mensch dauerhaft einem Idealbild entsprechen kann. Nicht der Coach. Nicht der Arzt. Nicht die Mutter. Nicht der Partner. Nicht du. Nicht ich.
Und vielleicht wäre diese Welt gesünder, wenn wir endlich akzeptieren würden, dass Menschsein bedeutet, gleichzeitig kompetent und verletzlich zu sein. Stark und überfordert. Klar und verwirrt. Bewusst und trotzdem manchmal verloren.
Denn genau das macht uns menschlich.
Ich verstehe, dass wir keinen Polizisten sehen wollen, der beim Autofahren am Handy ist, der bei Rot über die Kreuzung fährt oder nicht anhält beim Fussgängerstreifen. Wir wollen glauben, dass sie sich genau daran halten. Wir wollen glauben, dass die Schweiz, unsere Gesellschaft, so funktioniert. Was ich total verstehe, mir geht es auch so.
Aber dennoch sind wir alles Menschen. Nur weil jemand Pädagoge ist, heisst das nicht, dass er nicht auch an seine Grenzen kommt in der Kindererziehung. So ist das mit jedem Beruf. Auch mit Coaches. Nur weil wir Coaches sind, heisst das nicht, dass uns das Leben nicht auch mit Herausforderungen beschenkt, die wir angehen dürfen. Uns passiert genau dasselbe wie allen anderen auch. Nämlich, dass das Leben manchmal unberechenbar ist und uns immer wieder herausfordert, uns immer wieder an die Grenzen bringt.
Dank unserer Coachingausbildung haben wir Werkzeuge gelernt, wie wir mit dem, was uns das Leben schenkt, besser umgehen können. Das ist der relevante Punkt. Es geht nicht darum, dass einem Coach nichts mehr passieren darf. Sondern die grosse Frage, die ich wichtig finde, ist: Wie geht er damit um?
Nun ist die Frage: Wie gelingt uns ein Leben, eine Welt, in der wir andere Menschen Mensch sein lassen können?
Vielleicht beginnt genau dort echte Freiheit. In dem Moment, wo wir aufhören, Menschen zu idealisieren. Wo wir verstehen, dass ein Arzt krank werden darf. Dass ein Therapeut traurig sein darf. Dass ein Pfarrer zweifeln darf. Dass ein Coach scheitern darf.
Denn vielleicht haben wir lange geglaubt, dass Sicherheit entsteht, wenn andere Menschen alles richtig machen. Wenn die Ehe hält. Wenn die Experten alles im Griff haben. Wenn die Eltern alles wissen. Wenn die Politik die Antworten hat. Aber das Leben funktioniert nicht so.
Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass andere perfekt sind. Sondern dadurch, dass wir lernen, mit Unperfektion umzugehen. Mit Unsicherheit umzugehen. Mit dem Leben umzugehen.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Reife im Leben: Zu erkennen, dass wir niemanden auf ein Podest stellen müssen. Dass wir aufhören dürfen, Verantwortung abzugeben an Coaches, Politiker, Ärzte oder Partner. Sondern dass wir beginnen dürfen, uns selbst zu fragen: Wie möchte ich mit Herausforderungen umgehen? Wie möchte ich leben? Wie möchte ich reagieren, wenn das Leben nicht nach Plan läuft?
Denn am Ende sind wir alle einfach Menschen. Menschen mit Rollen, ja. Menschen mit Wissen, Erfahrungen und Kompetenzen. Aber dennoch Menschen. Mit Ängsten. Mit Wunden. Mit Herausforderungen. Mit Fehlern.
Und vielleicht brauchen wir genau deshalb weniger Perfektion in dieser Welt. Sondern mehr Ehrlichkeit. Mehr Menschlichkeit. Mehr Menschen, die sagen: „Ja, auch ich struggle manchmal. Aber ich gehe meinen Weg trotzdem weiter.“
Für mich persönlich macht genau das einen guten Coach aus. Nicht jemand, der niemals fällt. Sondern jemand, der gelernt hat, wieder aufzustehen.




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