#39 Wenn ein Ja zu dir, ein Nein zu mir ist
- Karin
- May 5
- 4 min read
Kennst du das? Wenn du etwas tust oder entscheidest, was eigentlich nicht deinem Willen entspricht? Wenn du entgegen deines Bauchgefühls handelst? Du spürst, es ist falsch – und tust es trotzdem.
Das kann tausend Gründe haben. Vielleicht weisst du manchmal gar nicht, weshalb du Ja gesagt hast. Vielleicht hast du in diesem Moment nicht anders gekonnt. Unabhängig davon, weshalb du Ja gesagt hast, ist es wichtig zu verstehen, dass ein Ja zu dir manchmal ein Nein zu mir sein kann.
Das ist natürlich nicht immer so. Aber gerade dann, wenn du spürst, dass du gegen deinen Willen gehandelt hast, hast du insgeheim Nein zu dir gesagt. Du hast den anderen und sein Bedürfnis höher gewertet als dein eigenes.
Und glaub mir: Das passiert uns allen. Ich habe tausende Male Ja gesagt und Nein gedacht. Manchmal geht es einfach nicht anders. Ich möchte mit dir einmal analysieren, woran es liegen könnte, wenn wir Ja sagen und Nein meinen. Das Thema unter dem Thema ist – wie so oft – Angst vor Ablehnung und Angst vor Enttäuschung.

Anpassung
Unter diesem Motiv liegt oft die Angst vor Ablehnung. Ich möchte anderen gefallen, möchte, dass sie mich mögen und anerkennen, und sage deshalb Ja. Ich traue mich nicht, mich gegen mein Gegenüber aufzulehnen. Vielleicht ist die andere Person mächtiger, dominanter oder wirkt grösser als ich. Ich glaube, ich darf nicht ehrlich sein, weil ich sonst riskiere, abgelehnt zu werden.
Vielleicht habe ich auch gelernt, dass ich mich anpassen muss, für andere da sein soll – „weil das eben so ist im Leben“. Ich will niemanden enttäuschen, erfülle meine Pflichten, ordne mich unter und passe mich an. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist so gross, dass ich meine eigenen Grenzen übertrete.
Konfliktvermeidung & Angst vor Konsequenzen
Ich weiss oder glaube, dass ein Nein Streit auslösen würde. Um diesen zu vermeiden, sage ich Ja. Harmonie ist ein grosses Bedürfnis von mir. Gleichzeitig habe ich Angst vor möglichen Konsequenzen – dass mir etwas weggenommen oder verwehrt wird.
Hoffnung auf Gegenleistung
Vielleicht fühle ich mich jemandem gegenüber verpflichtet, weil diese Person einmal für mich da war. Ich glaube, etwas zurückgeben zu müssen und sage deshalb Ja. Oder ich hoffe insgeheim, dass ich später ebenfalls Unterstützung erhalte, wenn ich jetzt Ja sage.
Mangelnder Selbstwert
Vielleicht erachte ich mich selbst nicht als wichtig genug, um Nein zu sagen. Die Bedürfnisse der anderen sind wichtiger als meine. Vielleicht wurde ich so erzogen – gefällig, brav und angepasst zu sein. Dazu gehört auch, sich selbst zurückzunehmen.
Vielleicht habe ich mich sogar damit identifiziert, die helfende Person zu sein. Es ist mein Selbstbild geworden – oder auch das Bild, das andere von mir haben. Es fühlt sich an, als gäbe es gar keine andere Möglichkeit mehr.
Gewohnheit
Vielleicht ist es aber auch reine Gewohnheit. Schon immer habe ich Ja gesagt. Weder ich noch mein Umfeld kennen es anders.
Angst vor Kontrollverlust
Vielleicht habe ich Angst, dass die Situation aus dem Ruder gerät, wenn ich Nein sage. Dass ich die Kontrolle verliere.
Unabhängig davon, was der Grund für dein Ja statt deinem Nein ist: Es ist wichtig zu erkennen, dass ein Ja gegen deinen Willen ein Nein zu dir selbst ist. Denn wenn du ehrlich bist, wäre dein innerstes Bedürfnis vielleicht ein Nein. Doch etwas in dir hindert dich daran.
Was es bei dir ist, konntest du vielleicht in den vorherigen Punkten erkennen.
Doch wie kommst du nun zu einem Ja zu dir und einem Nein zum Gegenüber?
Das ist ein Prozess – und ein schönes Lernfeld.
Ich kenne das selbst sehr gut. Ich habe oft Ja gesagt und Nein gemeint – und mich darüber masslos geärgert. Andere waren für mich wichtiger als ich selbst. Besonders in meiner Zeit in der Gastronomie habe ich Gäste und Mitarbeitende so stark in den Vordergrund gestellt, dass ich mich selbst völlig übergangen habe.
Ich habe müde Mitarbeitende nach Hause geschickt und danach alles alleine aufgeräumt. Ich habe morgens um vier nach einem Catering eine Waldhütte geputzt – fast gratis, weil mir das Brautpaar leid tat. Ich bin eingesprungen, obwohl ich selbst genug gearbeitet habe. Ich habe zusätzliche Anlässe angenommen, obwohl wir ausgebucht waren. Ich habe Ja gesagt zu Menüwünschen, die eigentlich gar nicht zu uns passten.
All das, um Ablehnung, Konflikte oder Enttäuschung zu vermeiden. Um Anerkennung zu erhalten, um gebraucht zu werden.
Doch das hat dazu geführt, dass ich meine eigenen Grenzen immer mehr überschritten habe. Zum Glück kam irgendwann der Stillstand – und genau dieser hat mich gezwungen, alles neu zu sortieren.
Wie kannst du also vorgehen?
Als Erstes lade ich dich ein zu reflektieren, wie zufrieden du aktuell mit dir bist. Wenn alles für dich stimmig ist, darf es genau so weitergehen. Vielleicht hörst du diesen Podcast aber genau deshalb, weil du spürst, dass du dich selbst übergehst.
Wenn das der Fall ist, hast du vielleicht bereits erkannt, weshalb du dich so verhältst. Vielleicht aus Angst vor Ablehnung, vor Konflikten, aus Hoffnung auf Gegenleistung, aufgrund von Gewohnheit oder mangelndem Selbstwert.
Das ist völlig in Ordnung. Wichtig ist, dass du dir dessen bewusst wirst. Denn alles, was unbewusst passiert, können wir nicht verändern. Alles, was uns bewusst ist, ist der erste Schritt.
Dann darfst du dir selbst mit Empathie begegnen. Dich innerlich in den Arm nehmen und verstehen, dass hinter deinem Verhalten oft einfach Angst steckt.
Und im nächsten Schritt kannst du bewusst entscheiden, wie du es künftig haben möchtest. Und beginnen zu üben.
Es geht nicht von heute auf morgen. Es braucht Geduld, Übung und einen liebevollen Umgang mit dir selbst – auch dann, wenn es dir wieder passiert.




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