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#31 Sich ehrlich zeigen – der Moment in dem Masken fallen

Kennst du diesen Moment, wenn jemand auf einer Bühne etwas sagt – und plötzlich wird es still im Raum? Nicht, weil es besonders laut oder spektakulär war. Sondern weil es ehrlich war. Weil jemand etwas gesagt hat, was wir alle fühlen – aber selten aussprechen.



Genau so ein Moment ist gestern passiert. Ich stand auf der Bühne in Laufen und durfte einen Nachfolgeevent moderieren. Ich war – verständlicherweise – echt nervös. Das war meine erste wirkliche Moderation. Auch wenn ich schon oft vor Menschen gestanden bin in Workshops oder auch bei Gastro Suisse, wenn ich doziere, dennoch ist das Moderieren nochmals etwas anderes. Es ist aber grandios gelaufen. Wir haben zwei Stunden lang über den Nachfolgeprozess in einem Unternehmen gesprochen. Dieser kann ganz simpel fachlich aufgezeigt werden, die Theorie ist bald klar und ist ein wichtiger Baustein, wenn es um die Unternehmensnachfolge geht. Sie ist essenziell, weil man wirklich vieles klären, regeln und festhalten sollte. Aber was einem viel mehr im Wege stehen kann, sind die emotionalen und menschlichen Themen. Es war uns also ein Anliegen – nebst den vielen Theorieinputs – eben auch auf diese Blockaden hinzuweisen. So haben wir drei Podiumsgäste eingeladen, welche anhand meiner Fragen ihre Erfahrungen mit dem Publikum geteilt haben. Der Grossteil der Gäste war selbst in irgendeiner Form von einer Nachfolge betroffen. Es war also unglaublich spannend, ihren drei Geschichten zuzuhören. Immer mit dem Wissen, dass jeder Fall individuell ist.

Es gab einen Moment, der mich besonders berührt hat. Einer der Podiumsgäste erzählte offen von einem schwierigen Moment im Nachfolgeprozess – von schlaflosen Nächten, von Sorgen, von seinen ganz persönlichen Ängsten. Und plötzlich wurde es im Raum ganz ruhig. Ich habe richtig gespürt: Da hören gerade Menschen zu, die genau das kennen. Und genau solche Momente erlebe ich auch immer wieder in unseren Workshops oder Coachings. In dem Moment, in dem jemand ehrlich wird, verändert sich der ganze Raum. Masken fallen. Menschen werden weich. Besonders eindrücklich war ein Workshop, in dem der Geschäftsführer sich ganz ehrlich gezeigt hat und Ängste angesprochen hat. Plötzlich war er für die Mitarbeitenden nahbar, menschlich und zugänglich geworden. Das macht so viel mit uns, und ich liebe diese Momente.

Was mich aber besonders fasziniert hat, war die Offenheit und Ehrlichkeit der Podiumsgäste. Wir haben es geschafft, einen Raum zu kreieren, in dem diese Ehrlichkeit möglich war, aber vor allem auch erwünscht war. Ich habe gespürt, wie die Gäste an den Lippen der Podiumsgäste gehangen sind. Ich habe gespürt, wie durch jede Resonanz, die entstanden ist, ein Energiekanal entstanden ist. Und so haben wir alle am Ende verstanden, dass wir im selben Boot sitzen. Wir alle haben Herausforderungen. Wir alle haben eine Geschichte im Rucksack, die wir ständig mit uns tragen. Wir alle haben Erfahrungen gemacht, die uns stark geprägt haben und bis heute beeinflussen. Wir alle haben Erfolg und Misserfolg. Wir alle erleben Höhen und Tiefen. Aber dann, wenn wir uns wahrhaftig zeigen, offen und ehrlich über die Themen sprechen, die uns fordern, dann entsteht Nähe. Dann entsteht Augenhöhe. Dann entsteht Verbindung. Denn oft glauben wir, dass der, der auf der Bühne steht, etwas Besseres ist. Anders ist. Ja, vielleicht hat die Person etwas erreicht, was die Zuschauer noch nicht erreicht haben. Doch viel wichtiger ist, dass wir trotzdem sehen und verstehen, dass wir alle eins sind. Wir kommen mit nichts und wir gehen mit nichts. Psychologisch passiert da etwas Spannendes. Wenn jemand ehrlich über seine Herausforderungen spricht, erkennt unser Gehirn plötzlich: Ich bin nicht allein.

Und dieses Gefühl von „Ich bin nicht allein“ ist eines der stärksten Gefühle von Verbindung, das wir Menschen erleben können.

Worauf will ich hinaus? Gestern hat mich fasziniert, wie aus fremden Menschen Verbindung entstehen kann. Was es auslöst, wenn jemand von seinen Herausforderungen spricht. Ich erlebe immer wieder, was mit Menschen passiert, wenn ich von mir erzähle und mich öffne. Ich kann förmlich in ihren Gesichtern sehen, wie die Härte entweicht, wie sie weich werden, wie sie zugänglich werden. Eigentlich nur, weil ich mich schwach zeige. Und das finde ich so faszinierend und auch etwas beängstigend. Dass wir in unserer Gesellschaft so weit sind, dass wir viel leisten und arbeiten müssen. Und dass echte Probleme selten Platz haben. Wie viele Mütter erlebe ich in meinem Umfeld, die kaum den Austausch finden, den sie eigentlich benötigen. Dass es unter Mamas – und das gilt nicht für alle, das ist klar – ultraschwierig ist, ehrlich zu sein und zu sagen, dass man Mühe hat, erschöpft ist, die Kinder anstrengend sind. Viele trauen sich auch nicht ganz ehrlich zu sich selbst zu sein. Zu sich selbst einmal zu sagen: Ja, die Kinder nerven mich. Ja, mein Leben ist anstrengend. Ja, mir geht es schlecht. Damit beginnt nämlich der erste Schritt: erst einmal zu akzeptieren, dass es so ist. So lange wir uns selbst nicht erlauben, schlecht über die Kinder zu denken, haben wir fast keine Möglichkeit, dies auszusprechen.

Es geht mir nicht darum, dass du jetzt beginnst, über deine Kinder zu lästern. Ich lade dich ein, dass du in den Austausch gehst. In den Austausch mit anderen Menschen. Dass du mal schaust, was passiert, wenn du dich öffnest. Wenn du von dir erzählst. Was dann mit der anderen Person passiert. Und das darf auch ungefragt geschehen. Wir müssen nicht immer warten, bis jemand genau die richtige Frage zu meiner Geschichte stellt. Wir dürfen auch einfach sagen: Hey, ich würde gerne etwas mit dir teilen. Ja, das geht. Und weisst du was? Ich bin mir fast sicher, dass das Nähe schafft. Dass das Verbindung schafft. Denn auch wenn wir uns verkaufen als die Stärksten, Besten und Tollsten, auch wir haben unsere schwachen Momente. Und wir wissen ganz genau, was du meinst. Denn es geht uns doch allen gleich. Nur nimmt es jeder unterschiedlich wahr.

Ich stehe ein für eine Welt, in der wir offen und ehrlich über alle Themen sprechen. In der wir wieder lernen, einander nicht zu verurteilen, sondern einfach zuzuhören. In der wir verstehen, dass es im Leben nicht darum geht, alles am besten hinzukriegen. Im Leben geht es um Wachstum. Um emotionales und körperliches Wachstum. Das ist der Inhalt unseres Lebens. Und was brauchen wir, damit wir wachsen können? Ja, gute Nahrung, sauberes Wasser, ein Dach über dem Kopf, ein sicheres Umfeld und ganz viel Liebe. Aber damit wir auch wachsen können, dürfen wir Fehler machen. Dürfen wir scheitern. Dürfen wir schwach sein. Dürfen wir uns wahrhaftig und ehrlich zeigen. Denn das macht uns menschlich. Und das sind wir.

Und genau dazu lade ich dich ein. Gibt es etwas in deinem Leben, das du eigentlich gerne teilen würdest – aber bisher für dich behalten hast? Teste dies einmal für dich. Schau mal, was passiert, wenn du dich in den nächsten 48 Stunden bei jemandem öffnest und ungefragt eine Geschichte mit der Person teilst. Und ich bin mir fast sicher, es entsteht Magie. Schreib mir super gerne, welche Erfahrungen du gemacht hast.

Vielleicht beginnt Verbindung genau dort, wo wir den Mut haben, einfach Mensch zu sein.

 
 
 

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