#29 Verzeihen - und wie du durch Vergebung wieder frei wirst
- Karin
- Feb 24
- 8 min read
Das Thema Verzeihen finde ich unglaublich wichtig. Wir Erwachsenen haben oft Mühe damit, jemandem zu verzeihen – im Vergleich zu Kindern, die erstaunlich schnell darin sind. So schnell, dass ich manchmal fast nicht nachkomme. Während ich noch wütend oder verärgert bin, spielen sie längst wieder miteinander.
Das Thema hat mich schon immer fasziniert. Früher hätte ich mich selbst als nachtragend bezeichnet. Es fiel mir nicht leicht zu verzeihen – bis ich verstand, was eigentlich dahinterliegt. Ich dachte nämlich lange, dass ich das, was passiert ist, nicht gutheissen will und deshalb auch nicht verzeihen will und kann. Doch Verzeihen hat verschiedene Schichten.

Ich finde es fast einfacher, wenn ich das an einem Beispiel mit mir selbst aufzeigen darf. Denn es gibt ja auch die Möglichkeit, dir selbst zu verzeihen. Ich bin letztens in einem Streit ungewöhnlich laut geworden, weil mich das Thema auf verschiedenen Ebenen stark getriggert hat. Damit habe ich auch mein Gegenüber verletzt. Im Nachhinein habe ich mich geschämt. Und Scham ist ja eine sehr starke Emotion. Da habe ich gespürt, dass es darum geht, der anderen Person zu verzeihen, aber eben auch eine Schicht tiefer, dass ich mir selbst verzeihen darf. Und ich fand nicht richtig, wie ich mich verhalten habe, das gilt es nicht gutzuheissen, aber ich kann auch verstehen, warum es mich so getriggert hat. Und ich weiss, dass ich es nicht böse gemeint habe, aber eben auch in meiner Verletzung reagiert habe. Ich habe so gehandelt, wie ich es in diesem Moment konnte. Mit meinem damaligen Bewusstsein. Mit meinen damaligen Ressourcen. Deshalb kann ich es nachvollziehen, ich weiss, dass ich mein Bestes gegeben habe und deshalb gelang es mir, mir selbst zu verzeihen. Manchmal ist es viel einfacher, anderen zu verzeihen als sich selbst. Denn Selbstvergebung braucht Mitgefühl mit der eigenen Unreife, der eigenen Verletzung, der eigenen Geschichte.
Achtung, ich möchte hier deutlich unterscheiden:
Verzeihen ≠ Versöhnen und
Verzeihen ≠ Gutheissen
Verzeihen heisst nicht, dass du wieder Kontakt haben musst.Verzeihen heisst nicht, dass du Grenzen aufgibst.Verzeihen heisst nicht, dass Vertrauen automatisch zurückkommt.Verzeihen heisst auch nicht, dass ich gut finde, was passiert ist.
Aber du könntest sagen:
Ich kann jemandem verzeihen – und mich trotzdem schützen.Ich kann verstehen – und trotzdem klare Grenzen ziehen.Vergebung ist innerlich.
Wenn ich verzeihe, sage ich doch eigentlich, ich verzeihe dir, dass du das getan hast. Ich sage nicht, dass ich das gut finde oder es richtig finde. Aber der Fakt, dass du das getan hast, verzeihe ich dir, weil ich weiss, dass du dein Bestes gegeben hast. Dein Bestes, mit den Ressourcen, die dir damals zur Verfügung gestanden sind.
Achtung, wenn du Traumatische Erfahrungen gemacht hast, dann hol dir Unterstützung, um solche Themen anzugehen. Vergebung darf niemals Selbstüberforderung sein. Wenn es um Missbrauch, Gewalt oder schwere Traumata geht, dann ist Vergebung kein erster Schritt. Denn die eigene innere und äussere Sicherheit kommt zuerst.
Mir persönlich hilft es da enorm, wenn ich mich informiere über die Situation in dieser Situation. Entweder ich spreche mit der Person und frage nach, weshalb sie es so gelöst hat, weshalb sie sich so verhalten hat. Um ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, was ihre Ausgangslage war. Oder wenn ich nicht mit der Person spreche, kann ich mich zum Beispiel über das Umfeld informieren. Mir hat es zum Beispiel total geholfen, die Lebensgeschichte meiner Verwandtschaft zu kennen, um zu verstehen, wie sie zu der Person geworden sind, die sie heute sind. Denn ich weiss ja, wenn Menschen unbewusst unterwegs sind, kopieren sie selbst unbewusst die eigene Geschichte, leicht abgeändert. Wer also in einem liebevollen, herzlichen, sicheren Umfeld gross geworden ist, wird ziemlich sicher auch etwas ähnliches weitergeben. Wer mit Gewalt, Angst und Wut gross geworden ist, wird ziemlich sicher auch etwas ähnliches weitergeben. Wer nie gelernt hat, was es heisst, körperliche, sichere und positive Nähe zu erfahren zwischen Eltern und Kinder, also wer nie gelernt hat zu umarmen, einen Kuss zu bekommen, im Schoss Geborgenheit zu finden, wer das selbst als Kind nicht gelernt hat, wird es vermutlich auch nicht wirklich weitergeben können. ausser eben, die Person wird sich den Mustern bewusst und verändert diese für ihr weiteres Leben. Ansonsten -und das ist oft der Fall – geben wir die Form weiter, die wir gelernt haben, meist in einer etwas angepassten Version. Viele Eltern sagen heute noch «das hatte ich auch so, das hat mir auch nicht geschadet, deshalb sollst du es auch durchstehen». Wir gehen also oft davon aus, dass wir ja auch gut rausgekommen sind, deshalb sollen die eigenen Kinder das jetzt auch durchstehen. Und so ist es auch mit der Erziehung.
Nun, vielleicht gehörst du da überhaupt nicht dazu, ich will da auch kein Urteil darüber legen. Sondern vielmehr aufzeigen, dass es helfen kann, die Umstände einer Situation zu verstehen, um Verständnis aufzubringen. Informationen haben bei mir zu Empathie geführt. Zu wissen, wie die eigene Kindheit meines Grossvaters ausgesehen hat, hat mir Empathie gebracht für ihn, zu verstehen, weshalb er ist wie er ist. Und mit Empathie fällt es mir viel einfacher zu verzeihen. Bei mir muss dieser shift geschehen. Wo ich innerlich spüre, wie die härte abfällt. Wie ich innerlich weich werde und spüre, dass ich es verstehen kann. Erst dann, kann ich die Person wirklich aus ihrer schuld entlassen. Das heisst ja noch lange nicht, dass sie sich selbst ihre Taten verziehen hat, aber daran kannst du nichts ändern.
Nun, vielleicht kommt jetzt auch Groll in dir hoch, dass du dich fragst, wieso soll ich überhaupt verzeihen? Es gibt keine Empathie und es gibt auch nichts gutzuheissen, und informieren will ich mich auch nicht. Er oder sie ist schuld. Das kann ich gut nachvollziehen. In diesen Worten wird auch der eigene Schmerz deutlich, der noch da ist. Ich möchte dir aber mitgeben, dass du damit eben auch den Groll in dir behältst. Und dieser Groll katapultiert dich immer wieder zurück in die Vergangenheit. Und das kostet Energie und klaut dir die Leichtigkeit. Dieser Groll kann sich in dir manifestieren, festsetzen. Und ich glaube nicht, dass er dir gut tut. Vielleicht dient dir der Groll auch etwas, vielleicht schützt dich der Groll auch, vielleicht hält er dich auch auf Abstand. Dann ist er dir jetzt gerade dienlich, dann darfst du für dich neu entscheiden, ob u ihn weiterhin bei dir behalten willst oder loslassen möchtest. Vielleicht empfindest du auch andere Emotionen, wie Angst oder Trauer.
Aber wenn du dich dafür entscheidest, zu verzeihen, dann muss diese Person das nicht einmal erfahren. Stell dir das vor, wie ein Band, womit du mit der Person verbunden bist. dies ist gespannt zwischen euch. ihr seid also nach wie vor in Verbindung. was euch aber verbindet, ist dieser groll, diese Situation die passiert ist. und wenn du verzeihst, dann lässt du das band von deiner Seite einfach los. du entlässt die andere Person aus der schuld, du lässt die andere Person los. weil dann bist du frei. Die Situation ist trotzdem passiert, es ist trotzdem so, dass es nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, aber du hältst nicht mehr daran fest, von deiner seite her. Das heisst, du löst dich von der emotionalen Bindung an deine Vergangenheit. Und Vergebung senkt nachweislich Stresslevel und stärkt das Immunsystem. Wenn wir an Groll festhalten, bleibt das Stresssystem damit verbunden auch dauerhaft aktiv (Cortisol, Amygdala-Überreaktion). Das heisst, die Amygdala bleibt in Alarmbereitschaft, das Stresshormon wird weiterhin ausgeschieden. Der Körper kann nicht unterscheiden zwischen damals und jetzt. Ich habe tatsächlich schon von erwachsenen Opfer gelesen, die im Unterbewusstsein noch nicht verstanden haben, dass die Situation, das Kindheitserlebnis seit Jahrzehnten vorbei ist. Das System hat immer noch geglaubt, dass es noch immer in dieser Situation ist, auch wenn der Peiniger längst gestorben ist. Erst durch das arbeiten mit dem Unterbewusstsein, mit dem inneren Kind, ist es ihr gelungen loszulassen und abzuschliessen.
Aus Spiritueller Sicht ist Vergebung ein Akt der Selbstliebe, du befreist dich von der Situation. Verzeihen ist auch selten ein einmaliger Akt. Es ist oft ein wiederholtes Loslassen. Manchmal glaubst du, du hast verziehen – und Wochen später merkst du, da ist noch etwas.
Nun wollen wir einmal sehen, auf welche Art und Weise wir denn verzeihen können. Wir gehen hier durch ein paar Schritte hindurch, hör sie dir gerne zuerst an, oder drück nach jedem Schritt für dich Pause um ein paar Notizen zu machen.
1. Will ich verzeihen Als nächstes darfst du überhaupt für dich entscheiden, ob du verzeihen möchtest, ob du bereits bist loszulassen
2. Worum geht es? Nun zuerst darfst du bei dir selbst reflektieren: was ist es, was ich noch nicht verziehen habe. oder an wem oder was halte ich heute noch fest
3. Akzeptanz als nächstes darfst du für dich noch einmal bewusst akzeptieren, dass das Ereignis passiert ist. Dass es sich nicht mehr rückgängig machen lässt, auch wenn wir das manchmal so gerne hätten. Und gleichzeitig darfst du für dich auch anerkennen, wie schlimm es vielleicht für dich war.
Und wenn du verzeihen willst, dir oder dieser Person, dann darfst du dir überlegen, was deine bevorzugte Methode ist.
a. Brief schreiben Einigen von uns hilft es am Besten, wenn sie ihre Gedanken aufschreiben können. zum Beispiel kannst du – ohne ihn abzusenden – einen Brief verfassen an diese Person, wo du nochmals alles loswerden kannst. Dort kannst du selbst formulieren, wie du der Person und/oder dir selbst verzeihen willst. Danach kannst du ihn dem Wasser übergeben, verbrennen oder verreissen.
b. Ho’oponopono Ich mag das Ho’oponopono-ritual am liebsten, das ist ein hawaiisches Vergebungsritual, das aus 4 Sätzen besteht, die du wie ein Mantra aufsagen kannst.
i. Es tut mir leid
ii. Bitte verzeihe mir
iii. Ich danke dir
iv. Ich liebe dich
Das sind 4 sehr starke Sätze, die in mir wunder bewirken. Ich höre dann das Ritual in form eines songs, «Thank you» von Carrie Grossman hat eine wunderschöne Version aufgenommen. Das singe ich dann jeweils mit und setze nur noch den entsprechenden Namen ein. Da sie es immer wieder wiederholt während ein paar minuten, kann ich eine steigerung feststellen. Am anfang fällt es mir noch schwerer, der person zu sagen, dass ich ihr danke und sie liebe. Aber beim 4., 5. Mal fällt es mir dann immer leichter und ich spüre die Leichtigkeit die bei mir einkehrt.
c. Aufstellungen Besonders kraftvoll und besonders dann, wenn Protagonisten stark verstritten oder bereits gestorben sind, dann sind Aufstellungen ein tolles Konzept. Ich persönlich mache 2x pro Jahr Aufstellungen bei Renata und ihrer Firma Soulspeeches, weil ich es unglaublich spannend und kraftvoll finde. Dort hast du die Möglichkeit alte Streitereien zu klären, eben gegenseitig zu verzeihen und das System wieder zu harmonisieren.
d. Fiktive Eltern Das Konzept der fiktiven Eltern wende ich dann an, wenn ich spüre, dass eine Situation aus der Kindheit Frieden braucht. Wenn ich spüre, dass ich etwas aus der Kindheit loslassen möchte, versetze ich mich nochmals in diese Situation, nimm nochmals meine Gefühle wahr und stelle mir dann vor, dass meine inneren «perfekten» Eltern da wären und dem Kind das geben, was ich eigentlich gebraucht hätte. Das hat nichts damit zu tun, dass meine Eltern etwas falsch gemacht haben, sondern hat viel mehr damit zu tun, dass meine Eltern mir nicht das geben konnten, was ich gebraucht hätte. Aus welchen Gründen auch immer. Ich habe es vermutlich nicht benennen können und sie hatten vermutlich nicht die Ressourcen dazu. Also frei von Vorwurf, aber super heilend.
Fazit
Vielleicht merkst du, dass Verzeihen nichts ist, was man einfach „macht“. Es ist kein Schalter.Es ist ein innerer Prozess. Manchmal beginnt er mit Verständnis. Manchmal mit Mitgefühl. Manchmal einfach mit der Entscheidung, dass du nicht länger festhalten möchtest. Und vielleicht geht es heute gar nicht um die andere Person. Vielleicht geht es um dich. Um eine Version von dir, die damals nicht weiter wusste – und trotzdem ihr Bestes gegeben hat. Du darfst weich werden mit dir. Du darfst akzeptieren was passiert ist. Du darfst liebevoll sein mit dir selbst. Und du darfst Schritt für Schritt loslassen. Nicht für den anderen. Sondern für dich. Vergebung bedeutet nicht, dass die Vergangenheit nie passiert ist. Sie bedeutet, dass sie nicht länger deine Gegenwart bestimmt.




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