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#30 Der innere Schweinehund - und wie du ihn zu deinem Freund machen kannst

  • Writer: Karin
    Karin
  • 6 days ago
  • 6 min read

Kennst du diese Stimme, die genau dann auftaucht, wenn du losgehen willst? Wenn du etwas Neues beginnen möchtest, wenn du dich bewegen willst, wenn du einen Schritt aus deiner Komfortzone machst.

Und plötzlich flüstert sie: „Lass es.“ „Du kannst das nicht.“ „Wofür das alles?“ „Bleib doch einfach hier.“

Wir alle kennen diese Stimme: der innere Schweinehund. Und ich sage dir ganz ehrlich: Meiner war besonders laut.

Diese Folge ist keine Motivationsrede. Es ist eine kleine Reise. Von Scham zu Selbstakzeptanz, von Selbsthass zu Selbstliebe und von „Ich kann das nicht“ zu „Ich gehe trotzdem los“.

Und vielleicht erkennst du dich irgendwo darin wieder.



Ein topaktuelles Thema für mich. Wir stehen am Dienstag vor meiner grossen Challenge. Am Samstag laufe ich den Engadiner Langlaufmarathon mit. Und ich kann dir sagen, das war ein langer Prozess.


Im Frühling letzten Jahres entschied ich mit meinem Partner, den Halbmarathon um den Sempachersee zu rennen. Eine Herausforderung, die zu dieser Zeit undenkbar war. Ich hatte – rund ein halbes Jahr vorher – nicht genügend Elan und Energie, um 30 Minuten zu joggen, geschweige denn 21 Kilometer zu rennen.

Und um meinen Prozess deutlich zu machen: Als Teenager habe ich Sport gehasst, mein meistgehasstes Schulfach. Ich war nicht gut darin, war plump und ungeschickt, zu langsam und alles andere als flink. Ich war faul und hatte keine Lust und wurde natürlich auch nicht als Erste in die Sportteams gewählt.

Dieses Fach war also der Horror für mich. Beim 12-Minuten-Lauf dachte ich, ich müsse sterben. Absoluter Horror.

Es folgten Jahre, fast schon mit zwanghaftem Sport. Ich wollte unbedingt abnehmen und begann mit Joggen und Seilspringen. Das hatte aber immer einen zwanghaften Charakter, also nicht aus Freude, sondern um anders auszusehen.

Während der kommenden Jahre machte ich nicht viel Sport. Ich erzählte mir, dass die vielen Schritte, die ich im Service laufe, auch reichen würden. Meinen Körper spürte ich nicht wirklich.

Viele Jahre später, im Jahr 2018, fuhr ich nach Portugal in ein Yogaretreat und begann mit Yoga. Ich lernte, was es heisst, seinen Körper zu spüren, den Atem als Tool zu nutzen und wie sich Eleganz und Sport verbinden lassen. Seither habe ich mit Yoga nicht mehr aufgehört.

Irgendwann begann ich wieder mit Joggen. Und immer mehr spürte ich, wie mir die Bewegung gut tut.

Und dann kam der Halbmarathon. Als optimale Vorbereitung darauf nahm ich noch am Badener Lauf teil. An diesem Lauf begegnete ich vollgas meinem inneren Schweinehund. Es fühlte sich an, als würde er an meinen Fussgelenken hängen und mich davon abhalten weiterzulaufen.

Es war der Horror. Ich spürte genau, wie mein Körper gut drauf war, locker am Laufen war, aber in meinem Kopf pfläzte der innere Schweinehund. An diesem Lauf gelang es mir nicht, meinen Kopf frei zu bekommen. Ich fragte mich ständig, was ich eigentlich hier mache, was das alles soll und weshalb ich mir das alles antue.

Was will ich damit sagen? Nun, vielleicht stehst du gerade an dem Punkt, wo du dich mehr bewegen möchtest, wo du beginnen möchtest, Sport zu treiben, vielleicht ein sportliches Hobby beginnen möchtest. Dann bleib dran und lerne mit mir den Schweinehund kennen.

Nun, wie du gehört hast, ist bei mir wirklich ein ganzer Prozess ins Rollen gekommen. Von ungeschickt zu flink, von Sporthasserin zur Freude an der Bewegung, von körperlicher Abscheu zur Selbstliebe.

Und wenn ich dir eines empfehlen darf, wenn du jetzt an dem Punkt stehst, dass du dich mehr bewegen möchtest, dann beginne als Erstes bei der Selbstakzeptanz. Als ich damals Bewegung hasste, hasste ich auch mich und meinen Körper. Es war keinesfalls möglich für mich, Freude am Sport zu entwickeln. Im Gegenteil: Bei allem, was schief lief, beschimpfte ich mich selbst. Ich war streng und gemein zu mir und konnte kein gutes Haar an mir finden. Und so hatte ich keine Chance, jemals Freude zu entwickeln.

Als Zweites empfehle ich dir, dich zu fragen, weshalb du dich mehr bewegen möchtest. Was ist deine Intention dahinter? Möchtest du gesünder und vitaler werden? Hast du ein bestimmtes Leistungsziel? Gibt es etwas, was du erreichen möchtest? Weshalb möchtest du dich mehr bewegen?

Wenn du das für dich beantworten kannst, kann ich dir garantieren, dass es dir leichter fallen wird, dich mehr zu bewegen. Denn es wird Zeiten geben, da meldet sich der innere Schweinehund bei dir und steht dir im Weg.

Weisst du, wie dein innerer Schweinehund aussieht? Vielleicht drückst du mal auf Pause und erinnerst dich an eine Situation, bei der dir der innere Schweinehund im Wege stand. Und schau mal, ob du ihn vor deinem inneren Auge visualisieren kannst.

Der innere Schweinehund ist ein innerer Widerstand gegen das, was uns eigentlich gut tun würde.

Aus mentaler Sicht ist der innere Schweinehund kein Gegner. Er ist ein Schutzmechanismus unseres Nervensystems. Unser Gehirn liebt Sicherheit, Vorhersagbarkeit und Energiesparen. Alles, was neu ist, was Anstrengung bedeutet oder Bewegung mit sich bringen könnte, wird zuerst als potenzielle Gefahr eingestuft. Und genau dort meldet er sich.

Er ist also ein Wächter deiner Komfortzone und deines Energielevels. Eine seiner Aufgaben ist es, dafür zu sorgen, dass du dich keinerlei Risiken aussetzt. Wenn du also in der Komfortzone bleibst, dann bewegst du dich immer in bekanntem Terrain. Du weisst genau, wie es dort aussieht, was passieren wird und kannst Gefahren voraussehen. Genau dort sollst du auch bleiben, denn wir wollen ja überleben.

Ein Schritt aus der Komfortzone in die Lernzone bedeutet eben, dass du gewohntes Terrain verlässt, dass du dich möglichen Gefahren aussetzt. So kannst du dir den Schweinehund vorstellen wie einen Wächter dieser Komfortzone.

Eine zweite Aufgabe ist das Sichern der Lebensenergie. Alles, was Energie spart, wird der innere Schweinehund bevorzugen. Sport gehört da nicht dazu 😊

Und Achtung, er meint es gut. Er erfüllt seine Lebensaufgabe, nämlich dich vor dem Tod zu bewahren. Der innere Schweinehund darf also unser Freund werden, den wir führen dürfen. Und genau da liegt die Challenge.

Die Stimme, die nicht möchte, dass du dich bewegst, dass du dein Ziel der Vitalität und besseren Fitness verfolgst, diese Stimme darfst du entlarven. Du darfst herausfinden, wer jetzt genau zu dir spricht und dich vom Sport abhalten will.

Und denk daran: So ziemlich jeder von uns hat einen inneren Schweinehund, und das ist absolut in Ordnung. Der darf auch da sein. Der tut uns manchmal auch gut, besonders dann, wenn wir die Tendenz haben, unsere Grenzen zu überschreiten.

Aber wir dürfen lernen, ihn zu führen. Nicht er ist im Lead, sondern wir sind im Lead.

Meine Yogalehrerin Claudia vom Happy Place in Sissach hat immer gesagt: „Your mind is your servant, not your master.“ Dein Bewusstsein ist dein Diener, nicht dein Führer. Und genau so darf es sein. Die Stimmen im Kopf können uns sehr dienlich sein, wenn wir sie gut führen.

Und Achtung, jetzt kommt noch etwas ganz Wichtiges: Nicht jeder Widerstand ist ein Schweinehund. Manchmal ist es dein Körper, der wirklich erschöpft ist. Manchmal ist dein Nervensystem überlastet. Manchmal brauchst du keine Disziplin – sondern Pause. Der Unterschied ist entscheidend.

Versuche, da ganz genau hinzufühlen, was jetzt wirklich bei dir passiert und was dein Bedürfnis ist.Fühlt es sich wie Angst an? → Dann ist es oft der Schweinehund.Fühlt es sich wie Leere und totale Kraftlosigkeit an? → Dann ist es möglicherweise Erschöpfung.

Nach meinem Badener Lauf, meiner intensiven Begegnung mit dem inneren Schweinehund, wollte ich das Thema angehen. Ich visualisierte meinen Schweinehund und begegnete ihm.

Bei mir ist das ein brauner, richtig breiter, wabbeliger Haufen, wie Flubber, aber in braun und grösser. Er kann sich so auf dem Sofa ausbreiten, so richtig fläzen. Und ich habe mich mit ihm unterhalten, habe ihn gefragt, was seine Aufgabe ist, wofür er da ist.

Und bei mir waren das wirklich die Themen, die ich dir anfangs genannt habe: möglichst kein Risiko eingehen, das Energielevel sparen. Dazu kam aber auch die Versagensangst. Da ich in der Schulzeit so oft ausgelacht und geplagt wurde, weil ich mich nicht clever bewegt habe, sass das noch ganz tief in mir.

Denn das war nicht nur Demütigung, da war auch ganz viel Scham und Einsamkeit. Ich durfte also auch da genauer hinsehen, durfte die Geschichte aufarbeiten, durfte mir verzeihen und mir selbst empathisch begegnen. Das sind alles kleine Wunden, die damals entstanden sind und offensichtlich noch nicht geheilt waren.

Und danach war da nur noch das Thema der Faulheit. Und das darf auch sein, es ist ja auch seine Aufgabe, mein Energielevel zu schützen. Aber ich habe ihm klargemacht, dass er seine Aufgabe ganz gut erfüllt, das Bewachen der Komfortzone, aber dass ich bestimmen will, wann er da ist.

So kam der Halbmarathon und kurz vor dem Start setzte ich den Schweinehund vor meinem inneren Auge auf eine Bank und sagte ihm, dass er da warten soll und ich ihn in zwei Stunden wieder abhole. Und das hat tatsächlich funktioniert. Ich hatte einen grossartigen Halbmarathon und konnte den Lauf richtig geniessen, ohne den inneren Schweinehund.

Wenn er dir also begegnet, kannst du ihm drei Fragen stellen:

  1. Wovor willst du mich gerade schützen?

  2. Ist das eine reale Gefahr – oder eine alte Geschichte?

  3. Was wäre ein kleiner Schritt, der sich sicher anfühlt?

Und alles, was ich kann, kannst du auch. Wenn du also mit Sport beginnen möchtest, dann fang ganz langsam an. Geh Sportarten schnuppern, melde dich für Trainingsbesuche an, finde erst einmal heraus, welche Sportart dir entsprechen würde. Geh einfach mal hin – du kannst absolut nichts verlieren.

Der innere Schweinehund verschwindet nicht. Aber er wird leiser, wenn du lernst, dich selbst zu führen. Und vielleicht geht es im Leben gar nicht darum, ihn zu besiegen.

Sondern darum, ihm die Hand zu geben – und trotzdem loszugehen.

 
 
 

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