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#22 Zwischen Kontrolle und Vertrauen – wie Angst unser Leben steuert

Kontrolle und Vertrauen sind keine Gegensätze, zwischen denen wir uns einmal entscheiden. Sie sind Pole, zwischen denen wir uns täglich bewegen. Mal näher an der Kontrolle, mal näher am Vertrauen. Oft unbewusst. Oft aus einem tiefen inneren Bedürfnis heraus: Sicherheit.

Kontrolle basiert auf Angst. Vertrauen basiert auf Liebe. Und genau zwischen diesen beiden Kräften bewegt sich unser Leben.

Wenn wir in der Energie von Angst sind, sind wir stark im Kopf. Wir denken voraus, analysieren, planen, stellen uns Szenarien vor. Unser Nervensystem ist wachsam, unser Körper angespannt. Angst entsteht selten im Hier und Jetzt – sie ist fast immer ein Echo der Vergangenheit. Erfahrungen, Verletzungen, kleine oder grosse Traumata haben unser System gelehrt, vorsichtig zu sein.


Kontrolle ist in diesem Zusammenhang kein Fehler. Sie ist eine Überlebensstrategie. Ein Versuch, Sicherheit herzustellen. Wenn ich alles überblicke, alles plane, alles im Griff habe, dann – so glaubt unser Inneres – kann mir nichts passieren.

Doch Kontrolle hat ihren Preis. Je stärker wir kontrollieren, desto weniger fühlen wir. Desto weniger sind wir im Moment. Wir leben in Möglichkeiten und Eventualitäten – aber nicht wirklich im Jetzt. Kontrolle fühlt sich eng an. Schwer. Anstrengend.

Ich kenne dieses Leben sehr gut. Lange war ich fast ausschliesslich im Kopf unterwegs. Fühlen hatte kaum Platz. Kontrolle war für mich essenziell. Ich hatte das Gefühl, wenn ich loslasse, fällt alles zusammen. Besonders im Privaten fiel es mir schwer, mit Unerwartetem umzugehen. Wenn Dinge nicht so liefen, wie ich sie mir vorgestellt hatte, brach innerlich eine kleine Welt zusammen.

Heute weiss ich: Auch Vorfreude kann eine Form von Kontrolle sein. Wenn ich mir ausmale, wie etwas wird, gebe ich meinem System Sicherheit. Doch wenn die Realität anders aussieht, fühlt sich das wie ein Verlust an.

Der Wendepunkt kam nicht durch mehr Denken, sondern durch Akzeptanz. In dem Moment, in dem ich aufhörte, gegen die Realität anzukämpfen, wurde ich offen für neue Wege. Für Lösungen. Für Möglichkeiten, die ich vorher nicht sehen konnte.

Vertrauen ist die andere Seite dieses Pols. Vertrauen entsteht nicht im Kopf. Es entsteht im Körper. In einem Gefühl von innerer Sicherheit. Vertrauen bedeutet nicht, dass alles gut kommt. Vertrauen bedeutet: Ich kann mit dem umgehen, was kommt.

Und genau deshalb braucht Vertrauen so viel Mut. Kontrolle fühlt sich zwar angespannt an, aber vertraut. Vertrauen hingegen ist weit. Offen. Ungewiss.

Wir wechseln ständig zwischen diesen beiden Polen. Mehrmals am Tag. Das Ziel ist nicht, Kontrolle loszuwerden. Das Ziel ist Bewusstsein. Zu merken: Ah, gerade bin ich in der Angst. Gerade versuche ich, Sicherheit über Kontrolle herzustellen.

Und dann dürfen wir uns fragen: Was brauche ich gerade wirklich? Nicht: Was muss ich kontrollieren? Sondern: Was würde mir jetzt Sicherheit geben?

Oft ist es nicht mehr Kontrolle. Oft ist es Verbindung. Mit uns selbst. Mit unserem Körper. Mit dem Moment.

 
 
 

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