#19 Es allen Recht machen wollen -und wie du dich daraus befreist
- Karin

- Dec 16, 2025
- 4 min read
Story of my life.
Ich würde behaupten, dass das lange mein Lebensmotto war: Es allen recht machen wollen. Heute möchte ich mit dir tiefer schauen, woher das kommt, weshalb wir so funktionieren – und wie wir da wieder herausfinden.
Es allen recht machen wollen. Ein grosser Anspruch, nicht wahr? Wer sind denn „alle“? Und was heisst eigentlich „recht“? Ab wann wäre es denn „recht“?
Rein sprachlich scheint dieses Sprichwort aus Deutschland zu kommen. Im deutschsprachigen Raum galt seit dem Mittelalter die Tugend der Gefälligkeit und Anpassung als positiv. Besonders im höfischen Umfeld wurden Menschen gelobt, die „allen gefällig sein“ wollten.

Ich erzähle dir eine kurze Geschichte, die dieses Konzept perfekt verbildlicht:
Die Fabel: Der Mann, der Junge und der Esel
Ein Mann war mit seinem Sohn und ihrem Esel unterwegs zur nächsten Stadt. Zuerst gingen beide zu Fuss neben dem Tier her.
Sie kamen an einer Gruppe Menschen vorbei, und einer rief: „Wie dumm kann man sein? Da habt ihr einen Esel und keiner reitet darauf!“ Der Mann dachte: Vielleicht haben sie recht.
Also setzte er den Jungen auf den Esel und ging selbst zu Fuss weiter.
Kurz darauf kamen sie an zwei Frauen vorbei. Die eine schüttelte den Kopf: „So ein unverschämter Junge! Reitet, während sein alter Vater laufen muss. “Der Mann schämte sich, nahm den Jungen herunter und stieg selbst auf den Esel.
Ein Stück weiter trafen sie drei Männer. Einer sagte spöttisch: „So sieht man’s: Die Erwachsenen denken nur an sich. Der arme Junge muss laufen. “Also setzten sich beide auf den Esel.
Doch kaum waren sie weitergegangen, empörten sich Passanten: „Das arme Tier! Wollt ihr es denn ganz zugrunde richten? Zwei Personen sind viel zu schwer!“
Der Mann und der Junge stiegen sofort ab. Ratlos sahen sie sich an.
Schliesslich beschlossen sie, den Esel zu tragen, um niemanden zu verärgern. Sie banden die Beine des Tiers zusammen, hängten es an eine Stange und gingen los.
Die Leute am Weg lachten laut. Der Esel geriet in Panik, zappelte und fiel – und am Ende verloren sie ihn.
Die Moral der Geschichte
Wer es allen recht machen will, macht es am Ende niemandem recht – und schadet sich selbst am meisten.
Aktuell besuche ich einen Kurs bei Rüdiger Dahlke, und er legt viel Wert darauf, Muster in der Tiefe zu verstehen. Genau das ist auch meine Methode. Um etwas verändern zu können, muss ich zuerst verstehen, warum ich so funktioniere.
Viele von uns haben in der Kindheit gelernt, dass wir besonders dann Zuspruch und Anerkennung erhalten, wenn wir brav sind. Wenn wir nicht auffallen, uns anpassen, unsere Bedürfnisse zurückstellen und funktionieren. Als Babys sind wir vollständig angewiesen auf unsere Eltern: Ohne Nahrung, Schutz, Wärme und Bindung würden wir sterben. Deshalb sucht das Kind nach Gefallen und Zustimmung – es ist ein Urtrieb.
Wenn wir heranwachsen, lernen wir schnell: Wenn ich gefalle, bekomme ich Liebe. Wenn ich brav bin, gibt es keinen Streit. Wenn ich „nicht störe“, sind alle glücklich.
Mehrmals solche Erfahrungen – und sie speichern sich tief ein.
Das sind keine bewusst gewählten Mechanismen, sondern überlebensrelevante Programme unserer Kindheit. Und unser System erkennt emotionalen Schmerz genauso wie physischen Schmerz.
Natürlich gibt es eine gesunde Form der Anpassung: In Gruppen oder Teams kann es sinnvoll sein, eigene Bedürfnisse zugunsten des gemeinsamen Ziels kurz zurückzustellen. Zum Beispiel, wenn es darum geht, wo man während der 45-Minuten-Mittagspause essen geht. Dann kann es helfen, sich anzupassen, damit die Gruppe ihren Rahmen einhalten kann. Es geht immer um Balance: Zwischen für sich einstehen, wenn es wichtig ist – und sich anpassen, wenn es dem grossen Ganzen dient.
Aber es gibt eben auch die ungesunde Form. Ich habe sie viele Jahre gelebt.
Ich wollte es allen recht machen. Als Erstes meinen Eltern. Ich habe dir schon erzählt, dass ich meine Entscheidungen lange von ihnen habe absegnen lassen. Ich wollte ihre Zustimmung, ihr Wohlwollen. Nur dann fühlte es sich richtig an.
Im Familien- und Freundeskreis meiner Eltern wollte ich gefallen. Ich wusste genau, wie ich sein sollte, damit sie Freude an mir haben. Ich hörte hin, wenn über „die heutigen Jungen“ gelästert wurde – und gab mir Mühe, bloss nicht so zu sein. So war ich allzeit beliebt, aber hinterging mich selbst.
Auch im Schul- und Berufsleben wollte ich besonders Autoritätspersonen gefallen: Lehrer:innen, Dozent:innen, Vorgesetzten. Ich wusste genau, welche Kleidung und welche Frisur „gut ankamen“ – und welche nicht.
Vor zwei Jahren habe ich alles auf den Kopf gestellt. Ich sah das Muster – und ich bin ausgebrochen.
Dieser People Pleaser ist nämlich kein erwachsenes Verhalten, sondern das Verhalten deines inneren Kindes. Es ist eine Strategie, die du als Kind gewählt hast, um zu überleben. Es hat funktioniert – sonst wärst du heute nicht mehr hier.
Aber dein inneres Kind hat nicht mitbekommen, dass du erwachsen geworden bist.
Ich habe deshalb mein inneres Kind bewusst aufgesucht. Ich habe geschaut, wie es ihr geht, und habe das Gespräch gesucht. Sie wusste gar nicht, dass wir heute 36 Jahre alt sind. Sie dachte, wir seien immer noch klein und abhängig.
Wir haben gemeinsam entschieden, dass diese Strategie nicht mehr nötig ist. Dass wir aufblühen dürfen. Dass wir uns zeigen dürfen. Dass wir uns selbst sein dürfen – mit allem.
Dann folgte eine spannende Phase: das Verlassen meiner Komfortzone. Zu lernen, morgens die Kleider anzuziehen, auf die ich Lust habe. Frisuren zu tragen, die ich mag. Farben auszuprobieren, ohne Angst zu haben, „aufzufallen“.
Ich übe noch immer. Aber ich bin weit gekommen – und unglaublich froh darüber.




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