#20 Neid - Der Wegweiser für dein Leben
- Karin

- Dec 23, 2025
- 4 min read
Der Neid ist aktuell ein Thema, das von verschiedenen Seiten an mich herangetragen wird. Mir persönlich passiert es zum Glück sehr selten, dass ich Neid von anderen spüre. Aber gerade vor wenigen Tagen hat mir wieder eine Freundin erzählt, wie stark sie Neid aus ihrem Umfeld erlebt. Ich glaube, wir alle kennen beide Seiten: Wir waren schon einmal neidisch – und wir haben auch schon erlebt, dass jemand auf uns neidisch war.

Ich möchte heute mit dir etwas tiefer eintauchen und anschauen, was wirklich dahintersteckt. Wenn wir uns noch nie bewusst mit dem Thema Neid befasst haben, ist es oft schwierig zu erkennen, dass wir selbst neidisch sind. Denn was beim Neid passiert, ist Folgendes: Wir lehnen den anderen für etwas ab. Wenn wir diesen Mechanismus nie hinterfragt oder analysiert haben, ist für uns ganz klar: Der andere ist schuld. Das ist unsere erstbeste Strategie, um mit dem Gefühl von Neid umzugehen. Wir machen den anderen schlecht. Dabei merken wir oft gar nicht, dass wir neidisch sind. Und genau hier beginnt alles: Wie bewusst sind wir unterwegs? Wie stark hinterfragen wir unser eigenes Verhalten?
Ein paar Beispiele aus dem Alltag:
Eine sehr bekannte Form von Neid zeigt sich im Familienkontext. Geschwisterneid. Wir möchten das, was der andere hat, auch haben.
Oder wir liegen am Strand und sehen jemanden, der gut aussieht und locker an uns vorbeijoggt. Statt den Neid zu spüren, suchen wir schnell etwas, worüber wir lästern können. Zum Beispiel, dass man in den Ferien ja wohl sicher keinen Sport machen müsse.
Social Media ist vermutlich der grösste Neid-Magnet überhaupt. Wir sehen Bilder und Videos von anderen Menschen und empfinden Neid. In Gedanken werten wir die postende Person ab. Sieht jemand an einem Mittwoch beim Skifahren glücklich aus, kommt oft sofort ein Satz wie: «Na klar, sie hat ja auch keine Kinder» oder «Die erlaubt sich aber auch immer alles». Unsere erste Reaktion ist fast immer Ablehnung.
Oder jemand erzählt dir von seiner lustvollen, erfüllenden Beziehung – und innerlich wertest du die beiden für etwas anderes ab.
Oder wir sehen eine Frau, die farbig, glitzernd und mutig gekleidet ist. Eigentlich gefällt uns das total. Wir würden auch gerne so durch die Strassen laufen, trauen uns aber nicht. Also werten wir sie ab und nennen sie peinlich.
So viele Situationen, so viele Möglichkeiten, wie Neid uns im Alltag begegnet. Und es geht blitzschnell. Oft merken wir es gar nicht. Und ja – das passiert uns allen. Das ist menschlich.
Spannend wird es, wenn wir beginnen, uns selbst dabei zu ertappen.
Denn was hier wirklich passiert, ist psychologisch hochinteressant: Unser Gehirn vergleicht ständig. Das ist evolutionär bedingt und dient unserem Schutz. Es vergleicht das Bild, das wir von uns selbst haben, mit dem, was wir im Aussen sehen.
Wenn das Gegenüber etwas ist oder hat, was wir auch gerne hätten oder wären, fühlen wir uns innerlich «weniger». Das kann sein, weil wir das, was der andere hat, auch gerne hätten. Oder weil wir gerne so wären wie der andere.
Die Gründe, weshalb wir das nicht sind oder haben, sind vielfältig. Vielleicht erlauben wir es uns nicht. Vielleicht können wir es uns nicht leisten. Vielleicht scheint es unerreichbar, verboten oder unmöglich.
Diese Gedanken aktivieren unseren Minderwert und holen alte Gefühle hoch, nicht gut genug zu sein. Und genau hier greift ein Schutzmechanismus, der aus dem Ego heraus entsteht. Sein Ziel ist es, unseren Selbstwert zu stabilisieren.
Also werten wir den anderen ab.
Wenn ich den anderen schlecht mache, gleicht das mein Gefühl von «weniger gut sein» kurzfristig wieder aus.
In der Psychologie nennen wir das Projektion. Das bedeutet: Ich projiziere meinen inneren Mangel auf den anderen. Da ist etwas, das ich mir wünsche, mir aber nicht erlaube – also sehe ich es beim Gegenüber und bekämpfe es dort.
Diesen Mechanismus haben wir oft schon als Kind gelernt und tragen ihn ins Erwachsenenalter weiter, solange wir uns dessen nicht bewusst werden. Denn die Abwertung des anderen fühlt sich im ersten Moment stark an. Doch danach bleibt häufig Leere, Trennung und ein ungutes Gefühl zurück.
Unsere Ablehnung hat also selten wirklich etwas mit dem Gegenüber zu tun – sondern fast immer mit uns selbst.
Ich könnte dir unzählige Beispiele aus meinem Leben erzählen.
Ich habe mir sehr lange nicht erlaubt, wilde Farben und Glitzer zu tragen. Jedes Mal, wenn ich eine Freundin traf, die genau so unterwegs war, wie ich es mir insgeheim wünschte, war ich getriggert.
Oder mein Partner, der viele Hobbys hatte, während ich während der Gastrozeit kaum Raum dafür hatte. Als ich aus der Branche kam und plötzlich Zeit gehabt hätte, merkte ich: Ich wusste gar nicht, was ich will. Statt hinzuschauen, begann ich ihn zu kritisieren. Natürlich völlig fehl am Platz. In der Reflexion spürte ich meinen eigenen Neid.
Oder früher: der Neid auf schlanke, attraktive Körper. Ich musste dann immer Haare, Kleidung oder irgendetwas anderes abwerten, um mich selbst besser zu fühlen.
Wenn du beginnst, das zu beobachten, merkst du, wie oft Neid eigentlich auftaucht. Und genau dann sind Reflexion und Selbstfürsorge gefragt.
Ich nehme mir in solchen Momenten bewusst Zeit für mich. Ich frage mich: Was habe ich wirklich gedacht? Was habe ich gefühlt? Bei mir waren es oft Themen wie «sich ehrlich zeigen», die mich getriggert haben.
Und genau darin liegt das Geschenk: Der Trigger zeigt mir, was ich wirklich will. Farben? Glitzer? Dann los. Eine schlankere Figur? Dann liegt es an mir, etwas zu verändern.
Wichtig war für mich auch zu verstehen, warum ich mir gewisse Dinge nicht erlaube. Oft aus Angst vor Ablehnung, Verurteilung oder Ausgrenzung. Vielleicht wurde ich früher gebremst, leiser gemacht, angepasst. Das sitzt tief – und darf heute langsam aufbrechen.
Fazit
So bin ich Schritt für Schritt meinem Lieblingsleben nähergekommen.
Heute sind diese Neid-Momente selten geworden. Und wenn sie auftauchen, sehe ich sie als Geschenk. Denn sie zeigen mir, was ich wirklich will. Ich kann das Gegenüber entlassen und wieder bei mir hinschauen.
Der andere ist in diesem Moment nur ein Spiegel meines inneren Mangels.
Und vielleicht gelingt es mir sogar, den anderen nicht nur zu akzeptieren, sondern zu feiern – dafür, dass er oder sie den eigenen Weg geht. Vielleicht kann ich es sogar aussprechen.
Ich bin überzeugt: Das schenkt Freude. Und Freiheit.




Comments